Interview mit dem Projektleiter der Netzpiloten Tobias Schwarz

 

Tobias Schwarz ist Projektleiter des renommierten Online-Magazins Netzpiloten.de, das seit 1998 das Internet erkundet und über die Digitalisierung unserer Gesellschaft informiert. Er hat Politikwissenschaft in München, Venedig und Berlin studiert und arbeitete zuletzt für die Blogging-Plattform Tumblr, die Unternehmensberatung McKinsey & Company Inc., die Landesvertretungen von Sachsen-Anhalt (in Brüssel) und Bayern (in Berlin) sowie das Technikportal Chip Online. Unter seinem Pseudonym Isarmatrose (aber auch seinem Klarnamen) bloggt Tobias Schwarz – unter anderem für Politik-Digital.de und Carta.info – über medien- und netzpolitische Themen. Er engagiert sich für die netzpolitische ExpertInnenplattform Collaboratory e.V. und ist seit 2012 Sprecher für Netzpolitik bei den Berliner Grünen. Ute Korinth, Mitglied des AK Social Media, hat mit ihm über Netzpolitik und unbegründete Skepsis von Unternehmen gegenüber Social Media gesprochen.

 

1.  Ein Thema, das gerade im Netz heiß diskutiert wird, ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg zum „Recht auf Vergessen“ im Internet. Es besagt, dass Google Verweise auf Webseiten löschen muss, wenn ein Internet-Nutzer nachweisen kann, dass die gezeigten Links sich auf irrelevante Informationen beziehen bzw. sein Persönlichkeitsrecht verletzen. Welche Auswirkungen hat das?

Die Zukunft des sogenannten "Recht auf Vergessen" ist noch ungewiss, denn was die Richter vom Europäischen Gerichtshof in ihrem Urteil nicht verraten haben, ist, wie die Umsetzung erfolgen soll. Hier wird sich zeigen, wie das Urteil in den Nationalstaaten interpretiert wird. Zur Zeit führt es dazu, dass vor allem die Pressefreiheit durch Zensur bedroht ist, denn es gibt keine unabhängige und dafür geeignete Instanz, die die Löschanträge kontrolliert. Google löscht, was wieso auch immer gelöscht werden soll, ohne, dass die Öffentlichkeit die Berechtigung nachprüfen kann. Das Urteil fokussiert sich zu sehr auf den Datenschutz, überhöht ihn aber im Vergleich zu Rechten wie der Meinungs- und Pressefreiheit, anstatt ein durchdachtes Verhältnis dieser Interessen zu schaffen. Dazu kommt, dass es vor allem gegen die Suchmaschine Google gerichtet ist, dabei aber die Bedeutung von Suchmaschinen in einer digitalisierten Gesellschaft und andere Unternehmen, die Suchmaschinen oder ähnliche Plattformen betreiben, vollkommen außer Acht lässt. Positiv bleibt aber festzuhalten, dass die Richter die Rechte des Individuums gegenüber globalen Unternehmen gestärkt haben. Auf diesem Gedanken aufbauend, kann man vielleicht eine gesetzliche Regelung finden, die besser gestaltet ist als dieses gefährliche Urteil.

 

2.  Der Vorsitzende des neuen Bundestagsausschusses „Digitale Agenda“, Jens Koppen, hat gerade zugegeben, dass Deutschland bezüglich der Netzpolitik 15 Jahre im „Dornröschenschlaf“ verweilte. Reicht diese Erkenntnis aus, um wirklich eine Veränderung herbeizuführen? Was muss geschehen? Welche Seiten im Netz sind empfehlenswert für Menschen, die sich für Neztpolitik interessieren und sich ein eigene Meinung bilden möchten?

Diese Erkenntnis ist keine Einsicht, sondern ein Schuldeingeständnis der Politik. Schon vor 15 Jahren klagte die Politik auf der Konferenz Internetworld, dass Deutschland "im letzten Jahrzehnt […] technologische und ökonomische Vorsprünge verloren" hat, aber getan wurde seitdem kaum etwas. Dabei sind die Themen immer noch die gleichen wie damals. Im Jahr 2000 schrieb die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU ein netzpolitisches Positionspapier, dass sich heute noch aktueller als die doch sehr zaghaften Pläne der Bundesregierung unter dem Namen "Digitale Agenda" liest. Bei der aktuellen Organisation der Netzpolitik glaube ich nicht, dass sich schnell etwas ändern wird. Die Zersplitterung von netzpolitischen Kompetenzen auf vier bis fünf Bundesministerien und die Schaffung eines schwachen Ausschusses, der die Erfolge der Enquete-Kommission "Internet und Gesellschaft" ignoriert, hat leider System. Mein Wunsch wäre eine 180 Grad Drehung der Politik, besonders des Ausschusses für die Digitale Agenda. Zusätzlich wären mehr Transparenz der Politik wünschenswert und mehr Initiativen zur Vermittlung von Kompetenzen, denn was ich nicht verstehe, kann ich auch schlecht bewerten. Medien wie der Verein Politik-Digital.de, das Autorenblog Carta.info und das von mir geleitete Online-Magazin Netzpiloten.de versuchen dieses Makel wegzumachen und eine Grundlage für politische Entscheidungen von Bürgern und Bürgerinnen zu schaffen.

 

3. Und nun noch eine Frage zum Umgang mit sozialen Medien. Gerade Unternehmen aus dem IT-Bereich stehen dem gesamten Komplex Social Media oft immer noch skeptisch gegenüber. Vor allem Sicherheitsbedenken und die Angst vor Datenklau lassen Firmenchefs zögern, sich auf das Social Media Terrain zu begeben. Wie ist deine Einstellung dazu und was würdest du einer Company raten, die einer Präsenz bei Facebook und Co. trotz vieler Erfolgsstories kritisch gegenübersteht?

Mir ist vollkommen klar, dass die Nutzung von Social Media die Kommunikation eines Unternehmens vollkommen verändert. Deshalb ist es wichtig, dass das Thema gründlich und kompetent angegangen wird. Sich um die Kommunikation im Internet zu kümmern, ist keine halbe Stelle oder etwas, das vom sonstigen Arbeitsalltag getrennt werden kann. Ein Profil auf Twitter oder Facebook zu pflegen, gefährdet auch nicht die Betriebsgeheimnisse, schafft aber eine Plattform, sich der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Es kommt immer auf das Unternehmen an, aber denkbar sind Einblicke in die Firma mittels eines Blogs, der eine persönliche Ebene zeigt oder die eigene Arbeit erklärende Videos. Für die Medien sind das gern gesehene Inhalte, die zu Geschichten inspirieren und auf die man Leserschaften verweisen kann. Kunden lernen ein ihnen bekanntes Unternehmen oder eine gern genutzte Marke besser kennen. Kontrolle sollte bei der Kommunikation zweitrangig sein, Authentizität ist hier wesentlich wertvoller. Und sympathischen Firmen verzeiht man auch mal ein Fauxpas. Und lernen kann man aus jedem Fehler und von jedem Menschen, der einem begegnet. Das gilt auch für Firmen.

 

Ein Blogbeitrag von Ute Korinth
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Ute Korinth